[Rezension] „Opakalypse“ von Ingo Bartsch

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Ein bitterböser, tod(!)komischer und zugleich nachdenklicher Roman über die Missstände in der Altenpflege, soziale Ungerechtigkeit und den medizinischen Nutzen von Marihuana.

Jules Wicküler hat ein Problem: Dem Endzwanziger aus reichem Elternhaus wird der Geldhahn zugedreht – er braucht einen Job. In seiner Not bewirbt er sich bei einer Zeitarbeitsfirma, die ihn als Pflegehelfer an das Altenheim Haus Nikolaus vermittelt. Dort erwarten ihn Demenz, Körperausscheidungen, Stress, eine fiese Oberschwester und jede Menge Pflegemissstände. Nach anfänglichem Fluchtimpuls entwickelt Jules bald den Ehrgeiz, den alten Menschen im häufig urkomischen, doch leider viel zu oft auch furchtbaren Heimalltag zur Seite zu stehen. »Wenn man klug ist, und so klug wird hier zwangsläufig jeder, zieht man den Bewohnern nichts an, was zugeknöpft werden muss. Jeder Knopf, egal, ob zu- oder aufgeknöpft, ist Zeitverschwendung. Weite T-Shirts und Jogginghosen sind erste Wahl.«

„Opakalypse“ von Ingo Bartsch ist ein Roman, der sehr humorvoll geschrieben ist, aber eigentlich einen ernsten Hintergrund hat. Es geht in dem Buch um die Zustände in deutschen Altenheimen. Auf über 350 Seiten taucht der Leser in die Geschichte des jungen Jules Wicküler ein. Dieser lebt vom Geld seines Vaters, der ihm monatlich einen beträchtlichen Betrag überweist. Da sein Vater aber genug vom Lotterleben seines Sohnes hat, dreht er ihm eines Tages kurzerhand den Geldhahn zu und Jules muss zusehen, wie er ohne diese Finanzspritze über die Runden kommt. Auch seine Freundin, auf deren Kosten Jules ebenso lebt, hat genug von seiner Faulheit und drängt ihn, sich endlich einen Job zu suchen. In seiner Not bewirbt sich Jules bei einer Zeitarbeitsfirma und kurz daruf findet er sich an seinem ersten Arbeitsplatz in einem Altenheim inmitten sabbernder, sich einkotender und dementen pflegebedürftigen alten Menschen wieder.

Dort wird ihm dann auch noch das Leben durch eine unmögliche Vorgesetzte und Kollegen schwer gemacht, die schon lange betriebsblind sind und im System des Notstandes der Pflegesystems mit schwimmen ohne etwas ändern zu wollen. Nach dem ersten Arbeitstag beschließt Jules, dass dies auch sein letzter Tag im Altenpflegeheim „Nikolaus“ gewesen ist und er will nie mehr dahin zurück kehren. Doch alles kommt anders und so geht Jules Tag für Tag wieder hin und kümmert sich um seine alten Bewohner so gut er als ungelernte Pflegehilfskraft kann und so gut es das System zulässt. Dabei greift er auch zu unerlaubten Mitteln, aber wo kein Kläger da kein Richter oder wie man hier auch sagen könnte: Der Zweck heiligt die Mittel. Und wenn es sich bei den unerlaubten Mitteln um Haschkekse handelt damit Herr Praxl und sein Zimmergenosse endlich mal  gut schlafen können, na dann ist es eben so…….

Das Buch „Opakalypse“ ist ein Roman, der einem beim Lesen die Tränen in die Augen treiben kann. Zum einen aufgrund der echt gewitzten Schreibweise des Autors, der die Dinge beim Namen nennt und nichts schön schreibt, egal, ob es sich um Ausscheidungen oder andere menschliche Sekrete handelt und zum anderen weil er, wenn auch etwas überspitzt, die Zustände in den meisten Pflegeheimen beschreibt, die es aufgrund des jahrelang herrschenden Personalmangels gibt….und eine Lösung ist bis jetzt nicht in Sicht. Wenn unsere Politik hier nicht endlich aufwacht und das System der Gesundheitspolitik sich nicht grundlegend ändert, sehe ich schwarz für alle alten Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Dabei ist es egal, ob man sich einen ambulanten Pflegedienst für die Häuslichkeit sucht  oder in ein Altenpflegeheim geht. Da möchte man schon gar nicht mehr alt werden.

Da ich selbst Altenpflegerin bin ich im Rahmen meiner Ausbildung zur Fachkraft ein Austauschpraktikum in einem Pflegeheim absolvieren musste, konnte ich mich gut in den Hauptprotagonisten Jules hinein versetzen und muss leider auch sagen, dass vieles, was im Buch beschrieben wird, traurige Wahrheit ist. Ein Pflegeheim ist ein wirtschaftliches Unternehmen und damit auf Profit aus. Und wo lässt sich am ehesten sparen? Entweder am Personal oder an so alltäglichen Dingen wie Mahlzeiten oder zugeteiltes Inkontinenzmaterial. Eine Schande, bedenkt man, dass die Generation Mensch, die jetzt teilweise in Pflegeheimen dahinvegetiert – anders kann man es manchmal nicht mehr nennen – unser Land aufgebaut hat und wir ihnen eigentlich zutiefst dankbar sein sollten statt ihre Würde jeden Tag aufs neue mit Füßen zu treten. Aber ich schweife ab…….

Mir hat das Buch sehr gefallen und ich hatte es in wenigen Tagen durchgelesen. Die Geschichte ist trotz der Tragik, die eigentlich dahinter steckt, echt humorvoll geschrieben und ich musste sehr oft schmunzeln. Dennoch kamen mir so einige Szenen aus dem Real Life bekannt vor und bei denen war mir dann eher zum weinen zumute, weil man feststellen musste, dass die Würde des Menschen oft an der Eingangstür einer solchen Einrichtung endet. Leider „durfte“ ich sowas selbst im Rahmen meiner Ausbildung erfahren und wenn dich dann eine alte Frau traurig anschaut und auf deine Frage, ob du ihr noch etwas gutes tun kannst, mit den Worten antwortet: „Ja, bitte erschlage mich“, dann ist der Tag für dich gelaufen. Mir war jedenfalls nach dem Austauschpraktikum im Pflegeheim klar, dass ich niemals in einer stationären Einrichtung arbeiten kann und das ist bis heute auch so geblieben. Ambulant hat man doch mehr Einfluss und vor allem mehr Zeit für seine Patienten. Da muss ich nicht 3 Personen gleichzeitig das Essen reichen…..nein, falscher Ausdruck……3 Personen wie einer Mastgans das Essen in den Mund stopfen.

Wenngleich Jules als Hauptprotagonist in seinem Handeln auch oft überspitzt agiert und reagiert und vieles in der Realität nicht ohne Konsequenz denkbar wäre, so fand ich ihn dennoch sehr sympathisch allein schon ob der Tatsache, dass ihm „Seine“ Bewohner eben nicht egal sind und er versucht, es ihnen so angenehm wie möglich zu gestalten, während seine Kollegen schon lange kapituliert haben und ihnen Respekt und Würde vor dem Alter abhanden gekommen ist. Auch hier spiegelt sich sehr gut die Realität wieder.  Mache ich den Job nur des Geldes wegen oder weil er für mich Berufung ist? Eine Frage, die man sich nach dem Lesen des Buches in einer ruhigen Minute stellen sollte, gerade, wenn man in der Branche arbeitet.

Jules Freunde und auch seine Freundin Nadja reagieren im Buch genauso, wie man es auch aus dem Leben kennt. Der Beruf des Altenpflegers wird immer noch reduziert auf „Arschabwischer“.  So deutlich muss man es einmal sagen. Schade, denn der Beruf ist so viel mehr.

Für mich ist das Buch eine gelungene Mischung aus heiterem, gewitzten Roman, der den Leser gut unterhält und dem Aufzeigen der mittlerweile katastrophalen Lage in deutschen Pflegeheimen. Ingo Bartsch verdient hier echt meinen Respekt und ich kann dem Buch nur eine klare Leseempfehlung geben.

Vielen Dank an Netgalley und den Piper Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!

2 Gedanken zu “[Rezension] „Opakalypse“ von Ingo Bartsch

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